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28.6.2010

Für einen Gemeinschaftsdienst, gegen die Abschaffung der Wehrpflicht

Von: Alec v. Graffenried Um: 15:28:38

Wenn es ein Element der Schweizerischen Armee gibt, dem ich bei der Armeeabschaffung nachtrauern würde, wäre es die Wehrpflicht. Ich lehne deren Abschaffung daher ab, eher wünsche ich mir die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht.

Wo in der Schweiz ausser im Dienst sind sich alle gleich, werden alle Schichten und (bisher) Männer gleichermassen in einen Topf geworfen und gezwungen, sich miteinander auseinanderzusetzen. Wo, wenn nicht im Militär, lernt mann die Schweiz und ihre Gegenden und Gebräuche kennen, hat mann Kontakt zu Alterskollegen aus der ganzen Schweiz? Das Institut der Dienstpflicht ist mir zutiefst sympathisch, das Pech ist nur, dass die Dienstpflicht heute meistens einen blödsinnigen und unnötigen, nicht in meinem Sinne ausgestalteten Militärdienst betrifft.

Ich sehe massenhaft sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Dienstpflichtige, im Sozial-, Friedens-, Katastrophen-und Umweltdienst, in der Land- und Forstwirtschaft, im Inland wie im Ausland. Die Zivildiensteinsätze weisen in die richtige Richtung. Meine Vision geht in eine Richtung, dass die heutigen Beteiligungsformen in einer allgemeinen Dienstpflicht aufgehen. Männer leisten heute einen übermässigen Beitrag im Bereich der institutionalisierten Dienstpflichten, Frauen leisten überdurchschnittliche Beiträge in der Familienarbeit und der unbezahlten Care economy. Diese Beiträge sollen verallgemeinert und vermehrt auch bewertet werden. Diese Vision ist aber noch nicht ausgereift. vgl. www.allgemeine-dienstpflicht.ch

Das Milizprinzip ist eine der tragenden Säulen der Schweiz und des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Das Milizprinzip besteht bei weitem nicht nur in der Armee, sondern durchdringt die gesamte Zivilgesellschaft, von Schulkommissionen, Feuerwehr, Kultur bis natürlich in die Politik. Ich mache mir heute mehr und mehr Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz, u.a. wegen der Schwächung des gesellschaftlichen Engagements. Früher bestanden vielfältige explizite und implizite Verpflichtungen, um sich im Interesse der Allgemeinheit zu engagieren. So bestanden früher z.B. auf Gemeindeebene Gemeinwerkpflichten, die heute leider ersatzlos weggefallen sind. Bei allen Vorbehalten gegen dem heute bestehenden Militärdienst kann eine Dienstpflicht eine Basis legen für das gesellschaftliche Verständnis, dass nicht alles gratis und selbstverständlich zu haben ist. Dass die gelebte Demokratie nicht nur aus Abstimmen und Steuern bezahlen besteht, sondern dass damit auch weitere Pflichten verbunden sind. Dieses
Verständnis wird als antiliberal gegeisselt, was natürlich zutrifft, insofern bekenne ich mich offen zum Antiliberalismus. Ich bin aber der Meinung, dass ein Ursprung der Grünen Bewegung genau in solchen zusätzlichen Engagements- und Beteiligungsformen besteht. Bildlich gesprochen: Das Grüne Modell ist die Genossenschaft, bei der jedeR Einzelne mitarbeiten muss, nicht die anonyme Aktiengesellschaft.

Aus diesen Gründen wünsche ich mir einen Umbau der Dienstpflicht, und nicht deren Abschaffung. Die GSoA versucht mit dieser Initiative, der heutigen Armee ihre Grundlage zu entziehen. Ich mag sie darin nicht unterstützen.

In Konsequenz führt dieser Vorstoss zu einer Freiwilligen (Rambo)armee oder einer Berufsarmee, beides lehne ich ab, auch wenn dieses Argument hier nicht im Vordergrund steht.

17.6.2010

Grüne verhelfen Staatsvertrag zum Ja

Von: Alec v. Graffenried Um: 21:09:19

Dank den Ja Stimmen der Grünen (7 Ja, 10 Nein, 5 Enthaltungen) ist der UBS Staatsvertrag angenommen worden.
Hätten alle Grünen Nein gestimmt, wäre der Staatsvertrag in der abschliessenden Abstimmung mit 75 zu 74 Stimmen abgelehnt worden (statt Annahme 81:63, 47 Enthaltungen). Es haben damit mehr Grüne dem Staatsvertrag zugestimmt als Vertreter der SVP (3) und der SP (2) zusammen. Das kann man ja auch mal sagen.

13.3.2010

Abzocken macht unglücklich

Von: Alec v. Graffenried Um: 17:38:09

Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt‘s sich gänzlich ungeniert (Wilhelm Busch)
Votum zur Abzockerinitiative vom 11.März 2010

Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts galten in der Schweiz mehr oder weniger geordnete Verhältnisse. Ein Bundesratslohn lag irgendwo bei 200‘000 Franken, mehr zu verdienen als ein Bundesrat galt damals als unanständig. Die Firmen haben sich am Bundesratslohn orientiert, das sorgte für ausgewogene Verhältnisse und für sozialen Frieden in der Schweiz. Die nebenamtlichen Swissair Verwaltungsräte erhielten noch bis ins Jahr 2000 9000 Franken im Jahr, nicht mehr.
Seit den 90er Jahren steigen die Gehälter im Topmanagement unaufhörlich an. Verantwortlich für diese Entwicklung war einerseits das neu entdeckte Shareholder Denken, andererseits trat eine völlig schamlose Hemmungslosigkeit auf. Trotz Hunger und Arbeitslosigkeit auf der Welt schämten sich Manager namentlich aus der Finanzbranche nicht mehr, Millionengehälter zu kassieren, ohne sich im Gegenzug besonders sozial zu engagieren und ohne die nötige soziale Verantwortung wahrzunehmen. Es lebte sich seither völlig ungeniert.
Man kann nun sagen, henusode, das ist doch deren Sache, was geht uns das an, es soll doch jeder so, wie er will und kann.
Das ist eben ein Irrtum. Die hohen Gehälter haben den sozialen Frieden in der Schweiz zerstört und die Schweiz insgesamt unglücklicher gemacht, als sie es früher war. Die Praktiken dieser Abzocker haben Klüfte in das soziale Klima der Schweiz gerissen, an denen wir heute als Gemeinschaft leiden.
Die empirische Forschung hat längst nachgewiesen, dass die Zufriedenheit nicht daher kommt, wieviel jemand verdient. Ich spreche jetzt nur von Leuten, die genug verdienen, nicht von Löhnen im Bereich des Existenzminimums. Natürlich ist zuerst einmal wichtig, dass die primären Existenzbedürfnisse gedeckt sind.
Wenn Sie dann aber genug verdienen, ist es nicht mehr so wichtig, ob sie 150‘000 oder 200‘000 verdienen. Viel wichtiger ist es, dass Ihr Nachbar nicht das doppelte verdient.
Derjenige, der 150‘000 Franken verdient, ist unglücklich in einer Welt, in der alle anderen 400‘000 verdienen. Mit einem gleichen Lohn von 150‘000 ist ein anderer jedoch zufrieden, wenn seine Kollegen gleich viel oder weniger verdienen.
Es gibt durchaus in der Schweiz Modelle, die auch ohne Lohnexzesse funktionieren. Vielleicht sind diese Unternehmen „schweizerischer“, als die Unternehmen, die uns in diese Vertrauenskrise geführt haben. Ich nenne Ihnen als Beispiel die Migros, bei der Migros wacht ein Ausschuss darüber, dass Lohnexzesse vermieden werden. So gibt es dort bis heute keine Löhne in Millionenhöhe. Und zur Migros gehört ja auch die Migrosbank, diese gehört im Retailbanking immerhin auch zu den fünf grössten Schweizer Banken.
Die übertriebenen Managergehälter müssen also nicht gestoppt werden, weil es sich um schreiendes Unrecht handelt, sondern weil sie das soziale Gefüge in der Schweiz kaputt machen und die Schweiz weiter ins Unglück stürzen.

Wir wollen, dass diese Frage in einer Abstimmung entschieden wird. Die Stimmberechtigten sollen frei entscheiden können. Wir wehren uns daher nicht gegen einen Gegenvorschlag, wie er Ihnen nun unterbreitet wird. Damit erhält die Bevölkerung die Wahl, ob sie die Initiative wählt, einen Gegenvorschlag, wie er der cvp vorschwebt oder ob es beides ablehnen will. Wir unterstützen daher in der heutigen Debatte die Initiative, wir setzen uns aber auch dafür ein, dass ein gemässigter Gegenvorschlag im Sinne der Vorschläge der cvp/fdp als Alternative vorgelegt wird. Nur damit erhalten an der Urne alle die Möglichkeit, sich frei zu äussern. Damit setzen wir ein Zeichnen für die Demokratie in unserem Land. Die Grüne Fraktion wird sich in der Debatte im Sinne dieser Zielsetzung verhalten.

1.11.2009

Mit gutem Gewissen gegen Kriegsmaterialexporte

Von: Alec v. Graffenried Um: 22:33:55

Es gibt viele Gründe gegen die Kriegsmaterialexportverbotsinitiative. Aber sie sind nicht gut genug.

Die Argumente der Gegner eines Verbots von Kriegsmaterialexporten sind bedenkenswert. Besonders wenn man die aktuelle wirtschaftliche Situation betrachtet. Täglich melden Unternehmen Entlassungen, müssen Kurzarbeit einführen oder gar ihren Betrieb einstellen.

Die Gegner haben Recht:
• Unter den aktuellen wirtschaftlichen Umständen scheint es widersinnig, dass wir am 29. November faktisch über die Abschaffung von einigen tausend Arbeitsplätzen entscheiden.
• 900 Arbeitsplätze im Raum Thun dürfen uns in diesen Zeiten nicht egal sein und haben den Schutz vor willfähriger Abschaffung verdient.
• Die Schweiz als einziger Absatzmarkt für Rüstungsgüter wäre in der Tat zu klein, als dass unsere Wehrtechnikunternehmen kostendeckend produzieren könnten. Entlassungen wären sicher, Betriebsschliessungen nicht ausgeschlossen.
• Nebst dem Schweizer Arbeitsmarkt erleidet bei einem Verbot von Rüstungsexporten auch der Technologiestandort Schweiz Schaden. Gerade die Wehrtechnik brachte Innovationen, die oft auch von gesamtwirtschaftlichem Nutzen sind. Ohne eine eigene Rüstungsindustrie gäbe es diesen Nutzen nicht mehr. Ein weiterer, guter Grund für eine starke Rüstungsexportindustrie.

ABER:
• Ist die Schweiz nicht Vertragsstaat und insbesondere Depositarstaat der Genfer Konventionen, die dieses Jahr das 60-Jahr-Jubiläum feiern? Wo bleiben die Verantwortung der Schweiz, ihre so hochgehaltene humanitäre Tradition und der Stolz, Wiege der Genfer Konventionen zu sein?
• Mussten wir nicht in den letzten Tagen lesen, dass die britischen Streitkräfte in Afghanistan Schweizer Präzisionsmunition benützen?
• Mussten wir nicht in den letzten Tagen erfahren, dass die Schweiz Waffen auch in kriegführende Staaten exportiert, obwohl Exporte in Länder, die in einen internen oder internationalen bewaffneten Konflikt verwickelt sind, verboten sind?

Johann Schneider Ammann und die Gegner der Waffenexportverbotsinitiative haben mit all ihren Argumenten Recht. Trotzdem: Die Schweiz soll und darf sich das Geschäft mit dem Export von Kriegsmaterial nicht leisten und damit an Kriegen und Konflikten teilnehmen. Wir sind ein starkes, innovatives Land und werden die Konversion unserer Rüstungsunternehmen in Hi-Tech-Unternehmen schaffen. Mit einem Exportverbot für Kriegsmaterial übernehmen wir Verantwortung, ohne unsere Grundwerte zu verraten und ohne dass unser Gewissen Schaden erleidet. Ich stimme daher am 29. November überzeugt JA zum Verbot von Kriegsmaterialexporten!

6.10.2009

Minarettinitiative: eine Schande

Von: Alec v. Graffenried Um: 17:52:53

Haben wir in der Schweiz ein Problem mit Minaretten? Die Antwort ist: Nein. Die Minarettinitiative ist unehrlich.
Zur Zeit stehen in der Schweiz vier Minarette, zwei Bewilligungsverfahren laufen. Das 18 m hohe Minarett in Zürich an der Forchstrasse steht seit 1963 klaglos und unauffällig; zuletzt wurde im Januar 2009 in Wangen bei Olten nach erbittertem Baustreit ein Minarett eingeweiht. Es wurde mit einem Kleinlaster angeliefert und ist grade mal 4 m hoch. Der Streit um dieses Minarett war mit ein Grund für die Minarettinitiative. Diese will den Bau von Minaretten in der Schweiz verbieten. Nachdem Minarette weder aufgrund ihrer Zahl noch aufgrund ihrer Grösse ein bauliches Problem darstellen, kann es den rechtsextremen Initianten nicht um die Bauten gehen, sie wollen die Ausbreitung der islamischen Religionsgemeinschaft treffen. Sie wollen mit einem symbolischen Akt eine wüste Ausgrenzungsdebatte führen und den Religionsfrieden, um den wir in der Schweiz während Jahrhunderten gerungen haben, leichtfertig aufkündigen. Die Initiative gegen die Minarette ist daher gar nicht ernstgemeint. Sie gibt vor,sich gegen den Bau von Minaretten zu wenden, die es aber kaum gibt in der Schweiz. Sie will dagegen mit undifferenzierten Diffamierungen die Angst und den Hass gegen Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften schüren. Die einzige richtige Reaktion wäre eine Ungültigerklärung gewesen, wie sie die Grünen vertreten hatten. Dazu fehlte dem Parlament leider der Mut, obwohl die rechtlichen Voraussetzungen dafür vorliegen. Nun müssen wir die Folgen tragen. Nur schon die Abstimmungskampagne wird dem internationalen Ansehen der Schweiz schaden, stellt ein Sicherheitsrisiko dar und könnte uns auch in wirtschaftlicher Hinsicht teuer zu stehen kommen. Die Folgen des Karikaturenstreits für Dänemark sollten uns ein Warnzeichen sein. Die Vernachlässigung der Aussenperspektive hat der Schweiz schon im Konflikt über die nachrichtenlosen Vermögen und im Banken- und Steuerstreit geschadet.
Entscheidend ist, dass sich die Initative nicht gegen Minarette wendet, sondern gegen die Muslime in der Schweiz. „Damit stellt die Initiative die Religionsfreiheit grundsätzlich in Frage. Sie ist Ausdruck von Intoleranz und politisch motivierter Ungleichbehandlung“ (Prof. Yvo Hangartner). Die Minarett-Initiative ist damit absolut diskriminierend und rechtswidrig. Mit der Abstimmung über ihre Initiative tun wir den Initianten bereits zuviel der Ehre an. Um die Ehre der Schweiz zu retten ist ein wuchtiges Nein zu dieser hinterhältigen Initiative dringend nötig.

1.8.2009

Voglio vedere le mie montagne

Von: Alec v. Graffenried Um: 13:04:05

Mehr Gastfreundschaft, mehr Freundschaft. Rede zum 1. August an der Lenk.

Liebe Lenkerinnen, Liebe Lenker

Liebe Gäste

Chers invités

Dear Guests

Geachte Gasten

Estimados invitados

Kära Gäster

Dragi Gosti

Drodzy Goscie

Cari ospiti
Charas visitadras e chars visitaders

Ich fahre hochdeutsch weiter, in der Hoffnung, dass mich eine Mehrheit der Anwesenden verstehen kann.

 

Zuerst danke ich den Organisatoren, dass sie mich zu dieser Feier eingeladen haben und dass ich am heutigen 1. August hier an der Lenk zu Ihnen sprechen darf. Vielleicht haben Sie gehört, dass ich bei den Grünen bin, und die Grünen gelten ja im allgemeinen eher als links, grundsätzlich übrigens zu Recht. Mir selber ist es nicht so klar, ob auch ich ein Linker bin, aber die Frage ist mir auch nicht so wichtig. Es zeigt jedenfalls die Offenheit und die Weltoffenheit der Lenker, dass sie einen Grünen zur 1. Augustfeier einladen. Aber das Risiko ist nicht so gewaltig, denn die Linken sind ja auch die Netten, und es spricht ja nichts dagegen, einen Netten zu einer Feier einzuladen. Ich bin gerne nett und ich werde auch heute Abend nett sein; nett sein heisst für mich höflich und freundlich sein, das bin ich gerne. Und im Herzen sind wir ja alle ein wenig grün.

 

Ich freue mich, hier in den Lenker Bergen und vor der Bergkulisse zu Ihnen sprechen zu dürfen.

 

Der bekannte Maler der Engadiner Berge, Giovanni Segantini, lag auf seinem Sterbebett, als er seinen letzten Wunsch äusserte: „Voglio vedere le mie montagne“. Ich möchte noch einmal meine Berge sehen. Sein Bett wurde zum Fenster gerückt, damit er seine geliebten Engadiner Berge vor dem Sterben noch einmal anschauen konnte.

Nun waren ja die Berge keineswegs seine Berge, Segantini war ein Italiener, aus Trient, der sich aber zuerst inSavognin, dann im Engadin aus Liebe zu den Bergen niedergelassen hat. Aber er wollte die Berge sehen, die Berge bedeuteten ihm viel.

 

Das geht auch unserem Bundespräsidenten so. Wenn Hans Rudolf Merz in Bern aus dem Bürofenster schaut, dann sieht er Eiger, Mönch und Jungfrau, und er sagt, dann wisse er, wofür er sich einsetze und dass sich sein Einsatz lohne. Das hat er zumindest gestern im Gespräch zum 1. August so gesagt. Die Berge stehen also für ihn gleichermassen für die Heimat, für die Schweiz, für die Identifikation.

 

Hier an der Lenk gibt’s auch Berge, die Lenker Berge sind auch meine Berge, vielleicht werde ich sogar mir beim Sterben auch wünschen, noch einmal meine geliebten Berge sehen zu dürfen, vom Wildstrubel bis zum Wildhorn.

Voglio vedere le mie montagne.

Aber die Berge an der Lenk sind natürlich nicht meine Berge, ich komme aus Bern und komme nur für die Ferien hier an die Lenk – übrigens in diesem Jahr seit 40 Jahren, wie ich mit Schrecken nachgerechnet habe.

Die Berge können natürlich nicht wirklich jemandem gehören. Sie gehören vielleicht allen oder vielleicht auch niemandem, je nach persönlichem Geschmack; oder vielleicht gehören sie doch ein bisschen mehr den Menschen, die in den Bergen wohnen, die Lenker Berge also den Lenkerinnen und Lenkern, die jahrein jahraus mit ihren Bergen leben. Aber die Lenkerinnen und Lenker teilen ihre Berge seit langer Zeit mit ihren Gästen. Die Lenk ist seit Jahrhunderten offen, so wie die Lenker einen Grünen zum 1. August einladen, so ist die Lenk auch immer offen gewesen für Gäste und offen zur Welt hin.

 

Offenheit und Pioniergeist hat die Lenk zum Beispiel bewiesen, als sie den Handel mit dem Simmentaler Fleckvieh aufgenommen hat. Bereits aus dem 16. Jahrhundert sind Exporte von Simmentaler Kühen aus dem Simmental ins benachbarte Ausland bekannt. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Tiere aus dem Simmental nach Afrika, Amerika und Australien  exportiert. Die Simmentaler sind heute auf allen Kontinenten zu Hause und bilden mit ungefähr 50 Millionen Tieren eine der weitweit bedeutendsten Rinderrassen. Es gibt also viel mehr Simmentaler Kühe auf der Welt als es Lenker, Berner oder gar Schweizer gibt! Zum Beispiel also mit dem Vieh strahlt das Simmental also auf die ganze Welt aus. Die Plüschkuh Simmi ist auch das Maskottchen der Lenk geworden.

Die Vieh- und Käsehändler waren im 18. Jahrhundert die ersten Gäste, die das Simmental besuchten und die von der Gastfreundschaft der Lenker profitieren durften. Nach den Vieh- und Käsehändlern kamen die Engländer und dann im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr Gäste, die Deutschen, die Franzosen, und dann auch die Amerikaner, heute auch viele Gäste aus Holland und Belgien, welche die Berge hier anschauen wollten. Die Lenk behielt die Berge eben nicht für sich allein, sondern sie teilte sie mit den Gästen, die kommen.

Wie Sie wissen, gibt es an der Lenk eine Sommerakademie für Musikstudierende, sie beginnt heute in 14 Tagen. Diese Sommerakademie ist ein schönes Beispiel für das offene Forum, das die Lenk bieten kann. Etwa 100 Solisten aus ganz Europa kommen für 14 Tage an die Lenk und besuchen Meisterkurse bei internationalen Dozentinnen und Dozenten. Sie geniessen die herrliche Atmosphäre hier in den Bergen, und bringen im Gegenzug internationalen Geist und Leben an die Lenk. Besuchen Sie die Konzerte der Sommerakademie in der Kirche in den letzten zwei Augustwochen und werden Sie Mitglied im Verein der Freunde der Sommerakademie!

Mit dem Tourismus und mit den Gästen aus unseren Nachbarländern haben sich auch Freundschaften gebildet. Tourismus bedingt nicht Gastgleichgültigkeit, sondern Gastfreundschaft. Mit unseren Gästen und unseren Nachbarn verbinden uns daher seit langer Zeit Freundschaften. Solche Freundschaften sind wichtig, nicht nur für den Tourismus, sondern darüberhinaus. Freundschaften helfen uns für das erfolgreiche Bestehen und Ueberleben unseres Landes in der internationalen Gemeinschaft. Solche Freundschaften sind Gold wert oder bares Geld wert. Deutschland zum Beispiel hat versucht, mit der Fussballweltmeisterschaft 2006 Freunschaften zu pflegen oder neue Freunde zu gewinnen. Deutschland prägte sein Bild im Ausland mit dem Slogan „zu Gast bei Freunden“.
Deutschland hat sich diese Kampagne aber mehrere Mrd Euro kosten lassen!

Die Schweiz profitiert seit langer Zeit von ihren Freundschaften. Heute dürfen wir dankbar feststellen, dass die Schweiz noch nie in ihrer Geschichte nur von freundschaftlich verbundenen Ländern umgeben war, wie das heute der Fall ist. Wir leben in einer offenen, partnerschaftlichen Beziehung mit unseren Nachbarn und in Europa.

Wenn ich aber heute in der Schweiz Zeitung lese, ist oft nicht viel zu spüren von diesen Freundschaften, und wir riskieren, unsere Freunde zu brüskieren oder gar zu verlieren. Umfragen besagen zwar, dass wir immer noch zu den beliebtesten Gegenden und Völkern in Deutschland gehören, aber was bedeutet eigentlich zum Beispiel Deutschland uns? Ganz zu schweigen von unserem Verhältnis zu Europa. Gegenüber der EU herrscht heute bei uns eine Kampfrhetorik vor, die schlecht passt zu einem freundschaftlichen Verhältnis. Wir tun so, als Europa und die EU nichts mit uns zu tun hätte. Wir tun vor allem so, als ob wir nichts mit der EU zu schaffen hätten. Und wir verkennen dabei, dass die EU der Zusammenschluss unserer wichtigsten Partner und Freunde sind, zum Beispiel unserer Tourismusgäste, die wir jedes Jahr wieder neu gewinnen wollen.

 

Heute sprechen wir in der Schweiz nicht oder noch viel zu wenig über die Gestaltung des Verhältnisses zu unseren Nachbarn und zur EU. Heute machen wir in der Schweiz lieber Fernsehsendungen über die Alpenfestung, in der das Leben im Krieg romantisiert wird und das Bild einer isolierten Schweiz im Krieg wieder auflebt. Heute wird damit suggeriert, die Schweiz sei grundlegend in Gefahr und alle Nachbarn wollten der Schweiz an den Kragen oder zumindest ans Eingemachte.

 

Das Gegenteil ist wahr! Die Schweiz wird im Ausland immer noch für ihre Qualitäten geschätzt. Die Schweiz geniesst trotz dem Mais um das Bankgeheimnis grundsätzlich immer noch viel Kredit in Europa.

 

Betrachten wir unsere Touristen nicht nur als Freunde, wenn sie da sind. Vergessen wir nicht, dass die Menschen in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Polen, Skandinavien, in Europa unsere Schicksalsgenossen, aber v.a. auch unsere Freunde sind. Auch wenn sie zuhause sind und nicht als Touristen bei uns Ferien machen. Und vergessen wir das auch nicht, wenn wir mit unseren Freunden über Bankkonten, Steuerflucht oder Fluglärm diskutieren. Sehen Sie, ich freue mich, wenn Johnny Hallyday nach Gstaad zieht und das Berner Oberland als Wohnort wählt. Und ich verstehe ihn, wenn er 4 Mio Euro Steuern sparen will. Aber ich verstehe auch die Franzosen, die das überhaupt nicht lustig finden, weil sie weiter in Frankreich Steuern bezahlen müssen. Bringen wir dieses Verständnis doch auf!

 

Ich möchte, dass die Schweiz offen und freundschaftlich verbunden ist mit der Welt, wie die Lenk offen, freundlich und höflich ist zu ihren Touristen. Ich möchte, dass die Schweiz Botschafter in die Welt sendet, die solche Schweizer Qualitäten repräsentieren. Offenheit, Vielsprachigkeit, Bescheidenheit im Sinne schweizerischen Understatements, Qualität, Leistung und auch Humor.

 

Ich habe mir überlegt, wer ein guter Botschafter für eine solche Schweiz sein könnte. Dafür kämen z.B. Schweizer Kulturschaffende in Frage. Ich hatte aber eine andere Idee.

 

Wir haben ja in diesem Frühling und diesem Sommer alle wieder ein wenig mehr Tennis geschaut und mit Roger Federer mitgefiebert und mitgelitten. Roger Federer ist ein perfekter Botschafter für die Schweiz: Er ist freundlich, er ist seriös, er ist offen, er ist sehr fair, auch in der Niederlage, er ist respektvoll und bescheiden, aber auch humorvoll, und er repräsentiert mit seinem Trainingsfleiss und seinem präzisen und sauberen Tennisspiel beste Schweizer Qualität. Als Wunsch zum Geburtstag der Schweiz wollte ich Euch daher heute zurufen: Mehr Federers für die Schweiz!

 

Dieser Wunsch ist heute aber bereits etwas überholt, weil Mirka und Roger selber 2 neue Federlis auf die Welt gestellt haben. Für mehr künftige Federers haben die Federers  damit bereits selber gesorgt.

 

Ich wünsche mir daher von allen Menschen in der Schweiz zum 1. August:

 

Mehr Freundschaft im Sinne unserer Gastfreundschaft

Mehr Respekt                            -        weniger Frechheiten.

Mehr Humor                              -        weniger Borniertheit

Mehr Offenheit und Vertrauen     -        weniger Angst und Mutlosigkeit.

 

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Aufenthalt an der Lenk, geniessen Sie die Berge und ich wünsche Ihnen einen farbigen 1. August. Ich danke Ihnen.

21.4.2009

Chronik einer angekündigten Katastrophe

Von: Alec v. Graffenried Um: 12:59:07

Wer an einer Konferenz gegen Rassismus und Ausgrenzung teilnimmt, an welcher der iranische Präsident als prominentester Gast auftritt, darf nicht erstaunt sein, wenn ein Desaster resultiert.

Die Idee, eine Konferenz gegen Ausgrenzung und Rassenhass durchzuführen, ist sicher richtig und nötig. Sobald absehbar wird, dass an derselben Konferenz Ausgrenzung und Rassenhass eher zelebriert werden sollen anstatt dagegen anzukämpfen, dass Vorwürfe ausgetauscht und Angriffe geritten werden sollen statt gemeinsame Ziele zu formulieren, müssen Warnlampen blinken. Wenn absehbar wird, dass der Präsident Irans als höchstrangiger Staatsvertreter an der Konferenz teilnehmen wird, dann ist klar, dass die Konferenz zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung entgleiten wird. Bereits heute, erst recht aus der zeitlichen Distanz, wird die Genfer Antirassismus-Konferenz in Erinnerung bleiben als die Veranstaltung, die dem iranischen Präsidenten die paradoxe Gelegenheit geboten hat, seine Versionen von Hass und Ausgrenzung vor der Weltöffentlichkeit auszubreiten. Alle gut gemeinten Arbeiten und Bemühungen, die in Richtung einer Eindämmung des Rassismus geleistet werden, wurden dadurch verdrängt. Die Schweiz hat bereits die zweifelhafte Ehre, diese Konferenz als Gastgeberin begleiten zu dürfen. Sie hätte damit sicher nicht auch noch teilnehmen müssen.

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