„Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.“

Seilbrücke

Rede von Alec von Graffenried anlässlich der Preisverleihung „Umweltpreis Schweiz“

„Sehr geehrte Damen und Herren
Sehr geehrte Nominierte

Herzlichen Dank für Ihre Einladung, es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, hier zur Ueber-gabe des Umweltpreises ein paar Worte sagen zu dürfen.
Finden Sie auch, es gibt zu viele solcher Preise? Finden Sie solche Preisverleihungen infla-tionär? Wissen Sie nicht, was so ein Umweltpreis soll?
Schade.
Ich finde den Umweltpreis eine grossartige Sache und freue mich, dass er heute übergeben wird. Bei Wettbewerben gibt es immer Gewinner und Verlierer. Nicht so beim Umweltpreis. Da gewinnen alle. Die Teilnehmer, die Umwelt, wir alle.

Der Zustand der Umwelt kann einem ja zu denken geben, der Zustand unserer Umwelt lässt niemanden unberührt. Man kann darob in Pessimismus verfallen. Oder man kann trotzdem optimistisch bleiben. Von Roger de Weck habe ich gelernt, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Optimisten und dem Pessimisten. Beide, Optimist und Pessimist, haben keine Ahnung, wie die Geschichte am Ende rauskommt.
Aber: der Optimist hat mehr fun gehabt in dieser Zeit, er hat ein glücklicheres Leben geführt als der Pessimist.

Aber wie gesagt. Ob Optimist oder Pessimist: Der Zustand der Erde lässt keinen kalt. Seit Ende Oktober 2011 sind wir 7 Mrd Menschen auf der Erde, das ist ein guter Moment, um sich ein paar Gedanken dazu zu machen.

Die Frage nach dem Wachstum drängt sich hier auf. Sehen Sie, wenn wir 7 Milliarden sind und jedes Jahr 70 Millionen dazu kommen, wenn wir den Wohlstand halten wollen und für diejenigen, die darben, auch etwas Wohlstand wollen, dann müssen wir schon noch weiter wachsen. Ueber alles gesehen jedenfalls. Aber unser Wachstum muss ein Wachstum an guten Ideen sein, ein Wachstum an Intelligenz sein, unser Wachstum darf unsere Erde nicht weiter zerstören. Das heisst, wir müssen innovativ sein, wir müssen die besseren Ideen ha-ben, wir müssen besser werden.

Kennen Sie den Film HOME?1) HOME ist ein französisches Filmprojekt, ein wunderbarer Film von Yann Arthus-Bertrand von 2009.
HOME erinnert uns daran, dass die Erde bereits seit 4 Mrd Jahren besteht, der Mensch aber erst seit 200‘000 Jahren. Erst in den letzten dreihundert Jahren hat der Mensch die Erde aus dem Gleichgewicht gebracht.
HOME ist eine Ode auf unseren Planeten und erinnert uns an das zerbrechliche Gleichge-wicht unserer Erde. Mit Bildern aus der Vogelperspektive machen wir im Film eine Reise rund um die Welt in über 50 Länder. HOME zeigt uns zuerst die Schönheit unserer Erde. HOME erinnert uns dann aber an unbequeme Wahrheiten.
• 5000 Menschen sterben täglich an unsauberem Wasser.
• 1 Mrd Menschen hungert.
• Die weltweiten Militärausgaben sind 12 mal höher als die weltweiten Entwicklungs-gelder.
• 20 % der Menschen, da gehören zB wir alle dazu, konsumieren mehr als 80 % der Ressourcen weltweit.
• 40% der ackerfähigen Böden sind beeinträchtigt.
• Jedes Jahr verschwinden 13 Mio Hektaren Wald.
• Eines von vier Säugetieren und einer von acht Vögeln und eines von drei Amphibien sind vom Aussterben bedroht.
• Das Aussterben der Arten erfolgt 1000 mal schneller als es natürlicherweise der Fall wäre.
• ¾ der weltweiten Fischbestände sind ausgefischt.
• Die Temperatur der letzten 15 Jahre war die höchste je gemessene Temperatur, 2011 war das wärmste je gemessene Jahr.
• Das Polareis ist um 40% dünner geworden in den letzten 40 Jahren.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, wenn wir diese Entwicklung aufhalten wollen.
Arthus-Bertrand ist überzeugt, dass jeder Einzelne an der Rettung unseres Planeten teil-nehmen muss. Um so viele Leute wie möglich darauf aufmerksam zu machen, hat er den Film HOME gedreht. Damit der Film die grösstmögliche Verbreitung erhält, muss er gratis sein. Der Sponsor, die französische Luxusartikelgruppe PPR hat dies ermöglicht. Der Film kann auf Youtube gratis angesehen werden. Das haben schon Millionen Menschen auf der ganzen Welt getan, können Sie auch machen.

HOME packt jeden von uns direkt bei seinen Gefühlen. Der Film macht uns bewusst, dass wir unseren Blick auf diese Welt ändern müssen. HOME behandelt die großen ökologischen Fragen, denen wir uns stellen müssen, und zeigt uns, wie alles auf unserem Planeten zu-sammenspielt.

In den 200‘000 Jahren seiner Existenz, oder präziser in den letzten 300 Jahren, hat der Mensch ein Gleichgewicht gestört, das sich in 4 Milliarden Jahren entwickelt hat. Der Preis dafür ist hoch. Es bleibt der Menschheit eigentlich keine Zeit, um den Trend umzukehren. Wir müssen unsere Konsumgewohnheiten ändern. Wir müssen uns radikal ändern. Wir ha-ben gar keine Wahl. Und: Wir können die heutigen Herausforderungen nicht mit alten Tech-nologien meistern. Wir brauchen die besten Technologien, die es gibt. Hier in der Schweiz, in Europa, weltweit.
Können wir uns so rasch ändern? Wie rasch ändern wir uns denn?
Wir verändern uns in einem atemberaubenden Tempo.
Wir erlebten in den letzten 20 Jahren die Digitale Revolution. Es wird angenommen, dass die Menschheit im Jahr 2002 mehr Informationen digital als analog gespeichert hat. Seither le-ben wir im „Digitalen Zeitalter“. Es wird geschätzt, dass noch im Jahr 1993 lediglich 3% der weltweiten Informationen digital gespeichert waren, 2007 waren es dann bereits 94%, heute noch mehr.

Die digitale Revolution basiert auf der Erfindung des Mikrochips und der stetigen Leistungs-steigerung. Gordon Moore sagte 1965 voraus, dass sich die Leistungsfähigkeit von Mikro-chips alle 1-2 Jahre verdoppeln werden, dieses Mooresche Gesetz behielt bis heute seine Gültigkeit. Das kann jeder bei sich selber beobachten. Heute ist mein Handy viel leistungsfä-higer, als es mein Computer vor rund 15 Jahren war. Der hatte auf der Festplatte 1 Giga-byte Speicherkapazität, das war damals gigantisch. Soviel hat heute auf einem USB Stick Platz, den man an jedem Stand der Swissbau als Werbegeschenk erhält. Und diese Entwick-lung geht auch in den nächsten Jahren weiter, das Mooresche Gesetz gilt gemäss Voraus-sagen noch 20 Jahre unverändert !

Wenn Sie die Entwicklung aus der Vergangenheit in die Zukunft übertragen, dann können Sie erahnen, wo wir in 20 Jahren stehen werden. Oder eben feststellen, dass Sie keine Ah-nung haben. Die Entwicklung geht so rasch, dass Sie sie heute nicht abschätzen können.

Wir erleben ja bereits eine andere Zeitenwende. Und diesmal erleben wir diesen Umbau in der Baubranche aus nächster Nähe mit. Ich spreche vom Energieumbau unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft.
Dieser Umbau ist im vollen Gange und die Bauwirtschaft spielt darin eine Schlüsselrolle. Vor 20 Jahren lagen die Energieverbrauchswerte von Neubauten noch rund viermal so hoch wie heute. Die Erfolgsgeschichte von Minergie ermöglichte in der Schweiz einen rasanten Wan-del beim Energieverbauch der Bauten. Die ganze Bauwirtschaft ist davon betroffen, weltweit. Wissen Sie, wann Minergie eingeführt wurde? 1997. Das ist 15 Jahre her. Unsere Firma ver-kaufte noch 2007 ein einziges Projekt in Minergie, 2011 waren bereits 80% unserer Projekt-entwicklungen in Minergie geplant, wir streben jetzt konstant 100% an.
Aber wir werden weiter gehen! Wir wollen die Abhängigkeit von Erdöl- und Gasimporten re-duzieren und wir wollen seit letztem Sommer aus der Atomenergie aussteigen. Das heisst zuerst, dass unsere Neubauten keine Energie mehr für die Heizung und Kühlung mehr brau-chen dürfen. Ein Neubau der seine Energie für die Heizung und Kühlung selber produziert, ein Nullenergiehaus oder ein Plusenergiehaus: das existiert heute bereits!
Bei der Verleihung des Schweizerischen Solarpreises im letzten Oktober wurden Plusener-giehäuser mit Preisen ausgezeichnet, es gab dabei Bauten, die 3-4 x soviel Energie produ-zieren, wie sie für ihren Betrieb brauchen.
Wissen Sie, was man 1997 zu Minergie sagte: Ihr spinnt!
Minergie funktioniert nicht! Das ist extravagant und viel zu teuer! Wie beurteilen Sie das heu-te? Was sagen Sie heute dazu?
Ein Minergiehaus 1997: das war etwa gleich exotisch wie ein Plusenergiehaus heute. Das heisst aber nichts anderes, als dass wir in 10 Jahren nur noch energiepositive Häuser bauen werden, das ist der Beitrag der Bauwirtschaft zum Energieumbau.
Ich spreche aber ganz generell von der Nachhaltigkeit, welche die Herausforderung des 21. Jahrhunderts darstellt. Meine Firma Losinger Marazzi ist Teil eines französischen Konzerns. Bei uns im Konzern ist die Nachhaltigkeit und das nachhaltige Bauen die wichtigste Achse der Innovation.
Unser Hauptaktionär Olivier Bouygues sagt dazu:
«Wir sind überzeugt, dass Unternehmen, die vor der Konkurrenz nachhaltige Lösungen an-bieten können, Gewinn daraus ziehen und auch ihr Image profitiert. Die soziale und ökologi-sche Verantwortung soll daher nicht als zusätzliche Verpflichtung angesehen werden, son-dern als eine wunderbare Entwicklungschance für alle.» 2)
Olivier Bouygues ist am Erfolg unseres Unternehmens interessiert, er will, dass das Unter-nehmen in Zukunft bestehen bleibt und erfolgreich ist, deshalb setzt er auf Innovation und Nachhaltigkeit.
Lord Norman Foster, der zur Zeit wohl bekannteste Architekt, sagt das gleiche, aber drasti-scher: “Solar architecture is not about fashion. It is about survival” 3) , Solararchitektur ist keine Modeerscheinung, es geht ums nackte Überleben.
Dafür müssen wir unsere Denkweisen anpassen und in die Zukunft schauen. Dafür müssen wir uns ändern. Veränderung kann uns Angst machen. Ne nei, nume nid gschprängt, das hei mer scho geng so gmacht! We das jede wett… sagen wir in Bern.
Aber wir haben gar keine Wahl. „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert.“ 4)

Das heisst nichts anderes, als dass wir selber am Anfang dieser Veränderung stehen müs-sen. Leben ist Veränderung. Leben ist vorwärts gehen, nicht still stehen bleiben und schon gar nicht rückwärts. Wer stehen bleibt, erstarrt. Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen. 5)

Warum gibt es einen Umweltpreis? Gibt es zu viele Umweltpreise?
Es geht darum, durch Innovation die Herausforderungen zu bewältigen, die wir ohnehin be-wältigen müssen. Sie, liebe Nominierte, sind die Spitze der Innovationskraft. Sie geben sich nicht zufrieden. Sie denken weiter.
Weiterdenken, Intelligentere Lösungen anstreben, angetrieben vom Optimismus, dass wir es besser machen können. Das ist es, was wir heute brauchen, in der Schweiz, in Europa, auf der Erde. Das führt uns zu einem glücklicheren Leben.
Der Film HOME endet mit dem Satz: It is up to us to write, what happens next. Es ist an uns, die Geschichte weiterzuschreiben.
Together. Zusammen.
Ich gratuliere den Wettbewerbssiegern. Ich danke der Stiftung Umweltpreis, der Jury, den Wettbewerbsteilnehmenden, ich danke Ihnen allen, dass Sie mit uns die Geschichte weiter-schreiben. Zusammen.“

Alec von Graffenried, 17. Januar 2012

1) Originaltitel: HOME, Frankreich 2009, 93 Minuten, Regie Yann Arthus-Bertrand; Produktion Denis Carot, Luc Besson; Musik Armand Amar; Kamera Tanguy Thuaud
2) Olivier Bouygues, Delegierter des Verwalltungsrates Bouygues SA
3) Lord Norman Foster, Solarpreis 2011, 10. Oktober 2011 Palexpo Genève
4) Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957), italienischer Schriftsteller
5) Mahatma Gandhi Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Rechtsanwalt, 1869 – 1948

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