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13.3.2010

Abzocken macht unglücklich

Von: Alec v. Graffenried Um: 17:38:09

Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt‘s sich gänzlich ungeniert (Wilhelm Busch)
Votum zur Abzockerinitiative vom 11.März 2010

Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts galten in der Schweiz mehr oder weniger geordnete Verhältnisse. Ein Bundesratslohn lag irgendwo bei 200‘000 Franken, mehr zu verdienen als ein Bundesrat galt damals als unanständig. Die Firmen haben sich am Bundesratslohn orientiert, das sorgte für ausgewogene Verhältnisse und für sozialen Frieden in der Schweiz. Die nebenamtlichen Swissair Verwaltungsräte erhielten noch bis ins Jahr 2000 9000 Franken im Jahr, nicht mehr.
Seit den 90er Jahren steigen die Gehälter im Topmanagement unaufhörlich an. Verantwortlich für diese Entwicklung war einerseits das neu entdeckte Shareholder Denken, andererseits trat eine völlig schamlose Hemmungslosigkeit auf. Trotz Hunger und Arbeitslosigkeit auf der Welt schämten sich Manager namentlich aus der Finanzbranche nicht mehr, Millionengehälter zu kassieren, ohne sich im Gegenzug besonders sozial zu engagieren und ohne die nötige soziale Verantwortung wahrzunehmen. Es lebte sich seither völlig ungeniert.
Man kann nun sagen, henusode, das ist doch deren Sache, was geht uns das an, es soll doch jeder so, wie er will und kann.
Das ist eben ein Irrtum. Die hohen Gehälter haben den sozialen Frieden in der Schweiz zerstört und die Schweiz insgesamt unglücklicher gemacht, als sie es früher war. Die Praktiken dieser Abzocker haben Klüfte in das soziale Klima der Schweiz gerissen, an denen wir heute als Gemeinschaft leiden.
Die empirische Forschung hat längst nachgewiesen, dass die Zufriedenheit nicht daher kommt, wieviel jemand verdient. Ich spreche jetzt nur von Leuten, die genug verdienen, nicht von Löhnen im Bereich des Existenzminimums. Natürlich ist zuerst einmal wichtig, dass die primären Existenzbedürfnisse gedeckt sind.
Wenn Sie dann aber genug verdienen, ist es nicht mehr so wichtig, ob sie 150‘000 oder 200‘000 verdienen. Viel wichtiger ist es, dass Ihr Nachbar nicht das doppelte verdient.
Derjenige, der 150‘000 Franken verdient, ist unglücklich in einer Welt, in der alle anderen 400‘000 verdienen. Mit einem gleichen Lohn von 150‘000 ist ein anderer jedoch zufrieden, wenn seine Kollegen gleich viel oder weniger verdienen.
Es gibt durchaus in der Schweiz Modelle, die auch ohne Lohnexzesse funktionieren. Vielleicht sind diese Unternehmen „schweizerischer“, als die Unternehmen, die uns in diese Vertrauenskrise geführt haben. Ich nenne Ihnen als Beispiel die Migros, bei der Migros wacht ein Ausschuss darüber, dass Lohnexzesse vermieden werden. So gibt es dort bis heute keine Löhne in Millionenhöhe. Und zur Migros gehört ja auch die Migrosbank, diese gehört im Retailbanking immerhin auch zu den fünf grössten Schweizer Banken.
Die übertriebenen Managergehälter müssen also nicht gestoppt werden, weil es sich um schreiendes Unrecht handelt, sondern weil sie das soziale Gefüge in der Schweiz kaputt machen und die Schweiz weiter ins Unglück stürzen.

Wir wollen, dass diese Frage in einer Abstimmung entschieden wird. Die Stimmberechtigten sollen frei entscheiden können. Wir wehren uns daher nicht gegen einen Gegenvorschlag, wie er Ihnen nun unterbreitet wird. Damit erhält die Bevölkerung die Wahl, ob sie die Initiative wählt, einen Gegenvorschlag, wie er der cvp vorschwebt oder ob es beides ablehnen will. Wir unterstützen daher in der heutigen Debatte die Initiative, wir setzen uns aber auch dafür ein, dass ein gemässigter Gegenvorschlag im Sinne der Vorschläge der cvp/fdp als Alternative vorgelegt wird. Nur damit erhalten an der Urne alle die Möglichkeit, sich frei zu äussern. Damit setzen wir ein Zeichnen für die Demokratie in unserem Land. Die Grüne Fraktion wird sich in der Debatte im Sinne dieser Zielsetzung verhalten.

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