Von: Alec v. Graffenried Um: 12:19:56
Die Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Wochen hauptsächlich mit einem Thema beschäftigt. Omnipräsent in allen Medien ist der bevorstehende Ausschluss von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf beziehungsweise der bündnerischen Kantonalsektion aus der SVP. Ein grosser Teil der Bevölkerung – darunter Bürger und Bürgerinnen unterschiedlicher politischer Couleur, aber auch apolitische Menschen – solidarisieren sich mit Eveline Widmer-Schlumpf und verurteilen den Umgangston der SVP Schweiz. Auch ich gehöre zu jenen, die sich über den Verlust einer anständigen, politischen Kultur sorgen.
Als Parlamentarier mache ich mir aber vor allem darüber Sorgen, dass die wirklichen Probleme durch die Schaumschlägerei seitens der SVP in den Hintergrund rutschen. Die ganze Schweiz kümmert sich um die verletzte Seele eines verirrten Narzissten. Dabei stehen wir – steht die Schweiz, vor grösseren Herausforderungen.
Mit der Ankündigung eines Restrukturierungsprogramms und dem Abbau von 400 Stellen bei der SBB Cargo begann ein langer Arbeitskonflikt zwischen der SBB Führung und den Angestellten der SBB Cargo in Bellinzona. Zwar wurde der Streik – nach einem Monat! – abgebrochen, das Problem als solches wurde jedoch nicht wirklich gelöst. Ich habe diesen Konflikt nicht verstanden. Soweit ich informiert bin, wäre keine einzige Kündigung ausgesprochen worden. Es hätten zuerst 120, später nur noch 60 Stellen abgebaut werden sollen, allerdings mit Sozialplan und allem. Es ging also nicht um einen Stellenabbau mit Kündigungen, sondern um eine Restrukturierung. Diese Restrukturierung wurde nun sehr erschwert. Die Strukturen werden nun zementiert. Strukturen zu zementieren: das kann nicht unser Ziel sein. Zementierte Strukturen stellen in meinen Augen die wichtigsten Innovationshemmer dar. Wenn wir in der Schweiz Innovationen nicht mehr fördern, sondern verhindern, dann können wir einpacken.
Nebst diesem Konflikt gibt es aber auch einen weiteren Arbeitskonflikt, der in den letzten Monaten nur noch am Rande erwähnt wurde. Nach wie vor waren sich Baumeister und Bauarbeiter uneins über die weitere Zusammenarbeit. Morgen werden die Delegierten des Baumeisterverbandes über den neuen Landesmantelvertrag entscheiden, der dann unmittelbar am 1. Mai in Kraft treten wird. Die Gewerkschaften haben bereits unterschrieben. In diesem Konflikt haben beide Parteien unverständlich gehandelt. Die Gewerkschaften haben im Herbst das Klima vergiftet, indem sie während den Verhandlungen streikten. Die Baumeister haben sich während und nach der Mediation eher seltsam verhalten und nun ein Verhandlungsresultat erreicht, das grob dem entspricht, was sie bereits hatten. Sie haben also eigentlich nichts von dem erreicht, was sie anstrebten, hingegen ihr Image befleckt.
Gemein ist diesen beiden Konflikten, dass die Sozialpartner teilweise mutwillig den Arbeitsfrieden gefährden. Während die Gewerkschaften zu stark auf dem Status quo haften bleiben und teilweise betriebswirtschaftlich notwendige Lösungen partout ablehnen, verhalten sich die Unternehmensführungen gegenüber ihren Mitarbeitenden abgehoben und ignorant. Die UNIA rühmt und freut sich in ihrer jüngsten Zeitung, es gebe immer mehr Streiks. Der soziale und der Arbeitsfrieden in der Schweiz haben uns während langen Jahren einen Konkurrenzvorteil gegenüber dem europäischen Ausland verschafft. Doch solange Arbeitnehmende die Vision und Strategie eines Unternehmens nicht begriffen haben, werden sie allfällige Reformen blockieren. Nur zusammen mit den Angestellten kann ein Unternehmen innovativ und erfolgreich sein und damit auf dem Markt bestehen. Und nur unter ständiger Innovation können wir konkurrenzfähig bleiben. (vgl. z.B. China, wo dieser Gemeinsinn wohl noch lange nicht gewährleistet sein wird).
Nebst der Wahrung des Arbeitsfrieden, steht die Schweiz aber auch vor grossen Herausforderungen in der Finanzbranche. Die zunehmenden schlechten Nachrichten aus dem weltweiten Finanzmarkt, die Milliarden hohen Abschreibungen der UBS in diesem Zusammenhang, aber auch die unverhältnismässigen Abfindungen und goldenen Fallschirme, die gewissen Managern gewährt werden, verlangen nach Handlungsbedarf. Der gute Ruf des Finanzplatzes steht auf dem Spiel. Zusammen mit dem Ruf des Finanzplatzes riskieren wir auch die Fortsetzung unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Diesen dürfen wir nicht verlieren. Der Finanzplatz bewegt sich aber auch sonst im riskanten Umfeld. Der Verdienst und die Anreize für Händler und GL Mitglieder sind falsch gesetzt. Der Begriff der Abzockerei hängt mir zwar zum Hals heraus. Trotzdem dürfen wir nicht aufhören, die schamlose Selbstbedienungsmentalität anzuprangern. Sie ist unschweizerisch und vor allem unbernisch.
Und damit bin ich bei der Fragestellung, was hat das alles mit Bern zu tun?
Die Ursachen dieser Probleme liegen in der zunehmenden Aggression, die auf eine Polarisierung zurückzuführen ist. Als Wirtschaftsmotor der Schweiz steht Zürich auch in der Verantwortung bezüglich der Vorgänge in der Wirtschaft. Gewisse Auswüchse im Finanzsektor müssen begrenzt werden, damit diese Branche nicht weiter überbordet und jegliches Mass verliert. Nicht alles, was aus Zürich kommt, ist also auch gut für die Schweiz. Eskalierende Konflikte, Geringschätzung im gegenseitigen Umgang und Arroganz wie sie in den Arbeitskonflikten zum Ausdruck kommen, schaden der Schweiz.
In dieser Situation zunehmender Polarisierung kann Bern die Rolle des Ausgleichs und der Beruhigung übernehmen. Wenn die traditionellen schweizerischen Stärken wie Konsens, Einbindung aller Gruppen und gegenseitiger Respekt im Umgang miteinander verloren gehen, muss Bern seine Verantwortung wahrnehmen und sich als Gegengewicht zu Zürich positionieren.
Mit der Wachstumsstrategie 2004 und der überarbeiteten Version von 2007 will der Kanton Bern seine “Stärken und Potenziale weiter entwickeln”. Dabei soll der Wirtschaftsstandort gestärkt werden, der Wohnstandort gefördert und die Leistungsfähigkeit gesichert werden.
Als Handlungsfelder bezeichnet der Regierungsrat Bildung, Innovation und Wirtschaft- Finanzen und Leistungen – Raumentwicklung und Gesamtmobilität sowie die Marke Kanton Bern. In allen Bereichen hat der Kanton Bern in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. So positioniert sich Bern zum Beispiel mit dem Inselspital als wichtiger Player in der Spitzenmedizin. Zu den Erfolgsmeldungen gehört aber auch, dass der Kanton zum zehnten Mal infolge schwarze Zahlen schreibt oder die Steuern für Unternehmen im Kanton Bern attraktiv sind.
Der Kanton Bern hat also schon viel getan und viel erreicht. Auf diesen Lorbeeren ausruhen, wäre aber falsch. In allen Bereichen besteht nach wie vor Handlungsbedarf. Aufgrund meiner bisherigen Ausführungen liegt mir aber das vom Regierungsrat definierte Handlungsfeld “Marke Kanton Bern” besonders am Herzen. Der Kanton Bern ist auf dem besten Weg, sich hin zu einer attraktiven Region zu entwickeln. Ich wünsche mir aber für den Kanton Bern mehr Selbstbewusstsein. Zwar soll er weiterhin an seinen Schwächen arbeiten, aber auch mit Stolz auf seine Stärken und das bisher erreichte schauen und sich damit mutig als ausgleichende Kraft zu Zürich positionieren.
Um den Kreis zu der eingangs erwähnten politischen Debatte um Eveline Widmer-Schlumpf zu schliessen: die Polarisierung um Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf geht auch auf den Zürcher Flügel der SVP zurück. Auch hier nimmt die Berner SVP – nach zögerlichen Anfängen – die Position des Vermittlers, des Ausgleiches ein. Hoffen wir, dass es gut kommt, und sich die Schweiz wieder den wichtigen Herausforderungen widmen kann: sowohl politisch wie auch wirtschaftlich. Das heisst also: mehr bernisches Nume-nid-gschprängt und weniger Zürcher Vollblut und Heissporn führt zum Ziel.